Die Lobbyistin hat in diesen Tagen richtig gute Laune. Sie vertritt große Unternehmen in der US-Hauptstadt, es gibt viel zu tun, immer wieder muss sie den angefragten Gesprächstermin verschieben. "Der Terminkalender ist einfach zu voll", klagt sie gegenüber SPIEGEL ONLINE - und beeilt sich hinterherzuschieben: "Es sind spaßige Zeiten."
Der Spaß könnte bald noch größer werden - und der Reibach auch. Denn Washingtons Lobbyindustrie, wegen der vielen Staatsreformen ohnehin trotz Krise bestens im Geschäft, freut sich über ein Urteil des Obersten Gerichtshofs in Washington. Mit der knappen Mehrheit von fünf zu vier Stimmen entschieden die Richter, dass Unternehmen künftig unbegrenzt Mittel zur Werbung für oder gegen politische Bewerber bis zum Wahltag einsetzen können. Bislang durften sie sich nur allgemein zu Wahlkampfthemen äußern, etwa zu Steuersenkungen. "Die neue Macht der Lobbyisten: Leg dich mit uns an, und unser Bargeld wird dich begraben", titelte die "New York Times".
Das Urteil spaltet die Nation wie vielleicht zuletzt nur "Bush v. Gore" - die umstrittene Entscheidung zum Ausgang der Wahl im Jahr 2000, die George W. Bush den Weg ins Weiße Haus ebnete. Damals wurde Bush von der Gruppe der konservativen Richter im höchsten US-Gericht gestützt - während Bushs Amtszeit ist diese Gruppe durch neue Ernennungen noch stärker geworden. Das jetzige Urteil dürfte eine Folge dieser Entwicklung sein. Die Republikaner frohlocken darüber, die Demokraten jammern.
"Der Oberste Gerichtshof hat grünes Licht gegeben für einen neuen Ansturm vonLobby-Geld auf unsere Politik", schimpft Präsident Barack Obama. "Vielleicht erleben wir bald den Senator von Wal-Marts Gnaden oder den Kongressabgeordneten der Bank of Amerika", fürchtet Melanie Sloan, Direktorin der Gruppierung Citizens for Responsibility and Ethics.
Der Lobbyismus regiert eh schon die Welt. Die Großkonzerne bestimmen schon seit Jahrzehnten den Lauf der Dinge. Jetzt eben noch ein bisschen mehr.
