Montag, 17. Mai 2010

Die Bondmärkte regieren die Welt

Glaubt man europäischen Spitzenpolitiker, dann wurde durch sie ein ökonomischer Weltuntergang vermieden, die Risikoindikatoren der Finanzmärkte entlarven die Krise hingegen als eher kleineres Event

Kaum hatten die Finanzmärkte den ersten Schreck überwunden, ging es an den Börsen und vor allem mit dem Euro weiter nach unten. Dafür wurde nicht zuletzt Deutsche Bank Chef Ackermann verantwortlich gemacht, der in der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner" zu bezweifeln wagte, dass "Griechenland über die Zeit wirklich diese Leistungskraft aufbringt, seine rund 300 Mrd. Euro Schulden wirklich zurückzuzahlen".

Ackermanns Zweifel sind dabei wohl nicht nur im Fall Griechenlands durchaus berechtigt, gibt es doch kaum ein Land, das seine Schulden jemals nachhaltig getilgt hätte. So war es zuletzt das höchste der Gefühle, wenn ein Land das Verhältnis von Bruttosozialprodukt zu Schulden konstant halten konnte, die Wirtschaft also schneller wuchs als die Schulden. Getilgt ist damit aber noch lange nichts. Viel mehr war Deutschland so wie fast alle anderen OECD-Länder auch am konjunkturellen Höhepunkt zumeist gezwungen, die Zinsen für alte Schulden mit neuen Schulden zu bezahlen.

Und so wie sich die demographischen Verhältnissen in den westlichen Industriestaaten und die voraussichtlichen Kosten des Klimawandels nun einmal darstellen, ist ohnehin nicht absehbar, wie auch nur ein einziger Staat, der nicht über hohe Erdölexporte verfügt, es schaffen will, seinen Schuldenstand über den nächsten Konjunkturzyklus nachhaltig zu reduzieren. Daran werden auch die nun geplanten Sparprogramme nichts ändern, denn die werden wohl europaweit nur zu noch drastischeren Rückgängen der Steuereinnahmen und insgesamt noch höheren Defiziten und Staatsschulden führen.

Insofern ist die Skepsis der Bondmärkte gegenüber verschwenderischen Regierungen zwar durchaus begründet, ob den Märkten deshalb aber gleich die Weltherrschaft überlassen werden muss, bleibt indes offen. So dürfte dem scheidenden Linke-Vorsitzenden Oskar Lafontaine durchaus zuzustimmen sein, wonach die Regierungen nur noch "Marionetten", wären, die den Finanzmärkten "hinterher hecheln".

Die Dominanz der privaten Kreditgeber über die politischen Machthaber ist freilich keine neue Entwicklung. So wurde der Wahlkampfmanager von Ex-US-Präsident Bill Clinton, James Carville, schon Anfang der 1999er Jahre weltweit für die Äußerung bekannt, dass, wenn es eine Reinkarnation gäbe, er nicht mehr als US-Präsident, Papst oder Baseball-Star wiederkehren wolle, sondern als Bondmarkt. Denn dann könne er jeden einschüchtern – und wie recht er damit hatte, hat sich ja gerade eindrucksvoll bestätigt.

I used to think if there was reincarnation, I wanted to come back as the President or the Pope or a baseball hitter. But now I want to come back as the bond market. You can intimidate everyone.
James Carville, Clinton-Berater

Flucht des internationalen Kapitals aus dem Risiko

Nur was war da an den Finanzmärkten eigentlich Schlimmes geschehen? Tatsächlich hatte sich die Lage an den Finanzmärkten, nachdem es ein Jahr lang quer durch die Märkte recht euphorische Kursgewinne gegeben hatte, im April ein wenig verschlechtert und Anfang Mai dann erheblich zugespitzt. So hatte der meistbeachtete Schrittmacher für die allgemeine Verfassung der Finanzmärkte, der US-Leitindex S&P 500, in der ersten Maiwoche sehr schwach notiert und fast 10 Prozent verloren, hatte zuvor aber seit Februar gut 20 Prozent zugelegt.

Nachdem nun am Donnerstag, dem 7. Mai, EZB-Chef Jean-Claut Trichet auf der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung behauptet hatte, der Rat hätte nicht einmal darüber diskutiert, Eurozonen-Staatsanleihen künftig direkt aufzukaufen, hatte sich der Absturz an den Börsen verschärft und kulminierte wenig später in einem 20minütigen Einbruch der Wall Street um weitere zehn Prozent, der allerdings bis Handelsschluss großteils aufgeholt wurde und "technisch" bedingt gewesen sein soll.

Allerdings ging der Einbruch am Freitag ungebremst weiter und gleichzeitig waren auch die Kurse griechischer Staatsanleihen in den Boden gestampft worden. Während die Papiere der starken Euroländer gleichzeitig deutlich zulegen konnten, gaben die Bonds von Portugal, Irland, Spanien und Italien jedoch ebenfalls deutlich nach.

Entsprechend diesem global sichtbaren Trend zur Risikovermeidung war auch die Emissionstätigkeit der Unternehmen und vor allem der Banken weitgehend zum Erliegen gekommen, während die Preise für Ausfallversicherungen auf ihre Schulden anstiegen. So war der Preis für Ausfallversicherungen auf die Schulden der spanischen Großbank Santander (der "5yr CDS") am Freitag um 80 Zähler auf 254 Basispunkte (100 BP. = 1 Prozentpunkt – d.h. es kostet 245 000 Euro um 10 Millionen Euro an Santander-Schulden für ein Jahr zu versichern) nach oben geschossen und hatte sich erst mit dem Rettungspaket wieder auf um die 160 BP reduziert. Gleichzeitig war auch der Euro massiv eingebrochen und notierte so tief wie zuletzt nach der Lehman-Pleite.

Kurz und gut, die Kapitalmärkte hatten ausgehend von den schwachen europäischen Staatsanleihen ihre Risikoneigung ab Mitte April generell reduziert, wodurch Aktien und schlecht geratete Bonds verkauft und "sichere Häfen" wie als erstklassig erachtete Staatsanleihen oder Gold gekauft wurden. Diese Flucht des internationalen Kapitals aus dem Risiko führte zudem zu einem hohen Dollarbedarf so dass an den Märkten schon seit vier Wochen von einer Dollar-Knappheit die Rede ist, die den Euro von einem Stand von um die 1,35 USD bis dato ungebremst auf unter 1,25 USD hat abfallen lassen.

Die Retter Europas
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