Twitter - das Instrument des Widerstands
Während der Unruhen im Umfeld der umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Juli letzten Jahres in Iran hatte es den Anschein, als bediene sich die große Oppositionsbewegung plötzlich des Mikrobloggingdienstes Twitter, um sich gegen das vermeintlich gefälschte Wahlergebnis aufzulehnen. Dieser Eindruck täuschte jedoch, wie eine Studie des Web-Analyse-Dienstes Sysomos herausfand. Vor den Wahlen nutzten lediglich 8.654 Iraner Twitter, im Juni stieg diese Zahl auf 19.235 an, wobei diese Zahl mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, da viele Sympathisanten in Europa und den USA ihre virtuelle Herkunft im Twitter-Netzwerk nach Teheran verlegten, um die iranischen Behörden zu verwirren. In einem Land mit rund 23 Millionen Internetnutzern ist dies eine verschwindend geringe Minderheit, die indes in den westlichen Medien als Stimme des Volkes dargestellt wurde. Doch wer zwitscherte da in fließendem Englisch für das Volk? Während am Tag der Wahlen noch die Hälfte aller Tweets mit dem Hashtag #iranelections aus Iran kamen, sank der Anteil eine Woche später der iranischen Tweets bereits auf unter ein Viertel. Sowohl für die Widerstandsgruppen selbst, als auch für internationale Beobachter ist es unmöglich, die Authentizität von Informationen im Twitter-Netzwerk zu verifizieren.
Für ein Regime ist es nicht möglich, die Nutzung solcher Mikrobloggingdienste zu unterbinden, da es viele Möglichkeiten gibt, Twitter auch indirekt zu nutzen. In Ländern mit einem ausgeprägtem Zensurapparat wie Iran oder China gehört es für Internetnutzer bereits zum Allgemeinwissen, wie man staatliche Zensurmaßnahmen am besten umgehen kann. Dennoch wäre es für die Behörden möglich, solch ungewollte Kommunikation zumindest in der Masse zu unterbinden. Ohne Netzzugang ist es schwer, Informationen in die virtuelle Welt des Internets zu bekommen. Ein solcher Fehler wie bei den Demonstrationen im Umfeld der Präsidentschaftswahlen wird der iranischen Führung wohl kein zweites Mal unterlaufen. Im September letzten Jahres übernahmen die Revolutionsgarden für stolze acht Milliarden Dollar die Mehrheit am größten nationalen Mobilfunkunternehmen - private Mitbieter wurden aufgrund der sicherheitsrelevanten Bedeutung des Unternehmens ausgeschlossen. Bei der "Safran-Revolution" in Birma wurde das Handynetz kurzerhand abgeschaltet und der Internetzugang drastisch eingeschränkt. Die Bilder von der Niederschlagung der Proteste fanden dennoch ihren Weg ins Netz - oft wurden die digitalen Informationen zunächst physisch außer Landes geschafft, um dann von Thailand aus veröffentlicht zu werden.
Wenn ein Staat den direkten Zugang zum Netz sperrt, kann er also nicht komplett verhindern, dass digitale Informationen ins Netz gelangen - der Rückkanal bleibt in einem solchen Fall aber versperrt. Im Konfliktfall kann das Netz daher auch nicht zur Koordination der Protestbewegungen beitragen, dafür aber die Weltöffentlichkeit über die Proteste informieren - auch wenn diese Informationen sich nur schwerlich authentifizieren lassen.
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